Das erste Kapitel der Vereinsgeschichte des Turnverein Roetgen 1894 e.V.Am 11. August 1778 wurde in Lanz bei Lenzen, gelegen in Westpriegnitz (Mecklenburg), Friedrich Ludwig Jahn geboren. Er wuchs in einer gut bürgerlichen Familie in seiner Ostelbischen Heimat auf. Nach einem nicht abgeschlossenen Studium in Theologie, Geschichte und Sprachwissenschaften wurde er Hauslehrer in Berlin. Er richtete 1811 als 33-jähriger Mann auf der Hasenheide bei Berlin den ersten Turnplatz ein. Hier wurden während der Franzosenzeit junge Patrioten an Körper und Geist, zum Kampf für die Freiheit des Vaterlandes, erzogen. 1813 diente er im „Freikorps Lützow“ und nahm an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Seine Schriften „Deutsches Volkstum“ und „Deutsche Turnkunst“ fanden damals starke Beachtung. Nach den Kriegen geriet er in den Sog der Demagogenverfolgung. Als Volksverführer wurde er zu einer zweijährigen Festungshaft verurteilt. Zu dieser Zeit wurde das Turnen in Preußen verboten. Erst als sich der junge demokratische Gedanke im Volkstum gefestigt hatte, bekam er nach der Frankfurter Nationalversammlung im Jahre 1848 die offizielle Anerkennung als Patriot und Vater des Turngedankens (Turnvater Jahn). Trotz Verbot hatten sich schon seit 1816 im Lande die ersten Turnvereine gebildet, in denen die von Jahn propagierte Turnkunst ausgeübt wurde. Die patriotisch vaterländische Gesinnung der Turner kam treffend in einem der alten Turnerlieder mit dem Titel „Ich kenn` einen Wahlspruch“ zum Ausdruck. Das Emblem der Turner war das Turnerkreuz, zusammengestellt aus den „vier F“. Sie bedeuteten: frisch, fromm, fröhlich, frei. Zu diesem Wahlspruch gab es folgenden Text:
1. Ich kenn´ einen Wahlspruch, der Goldes ist wert,
er heißt frisch, fromm, fröhlich und frei.
Ihn hat Vater Jahn uns Turnern gelehrt,
wir halten in heilig und treu.
Wir schwören es mit Herz und Hand,
die Kraft uns zu stählen fürs Vaterland.
| 2. Ja, frisch wie die Sonne aus dumpfschwerer Nacht
mit lebenerweckendem Strahl.
Den Morgen heraufführt in taufrischer Pracht,
in Licht tauchet Berge und Tal.
So dringen wir leicht Turnerblut,
Durch Müh' und Gefahren mit frischem Mut.
| 3. Drum ehren wir fromm auch dem Ehre gebührt,
nicht pochend auf eigene Kraft.
Die unseren Bund bis hierher geführt,
die vor uns gewirkt und geschafft.
Sie sollen uns für alle Zeit,
als Vorbild umschweben in Freud und Leid.
| 4. So lange kein düsteres Wetter uns droht,
die Zeit uns kein Unheil gebracht.
So lange der Mägdelein Lippen noch rot
ein freundliches Auge uns lacht.
Genießen wir in Fröhlichkeit,
die rosigen Jahre der Jugendzeit.
| 5. Und türmen am Himmel sich Wolken auch schwer,
und dräuen Gefahren herauf.
So wallt es im Herzen uns heilig und her,
das Vaterland rufet frischauf.
Dann setzen wir das Leben ein,
den Feind zu besiegen um frei zu sein.
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Die „Nationalhymne“ der Turner wurde früher mit Inbrunst bei jeder Gelegenheit gesungen und mit kräftigem „Gut Heil“ beendet.
Einer der ältesten Turnvereine, die noch vor dem Verbot gegründet wurden, war die Hamburger Turnerschaft von 1816. Auch nach dem Verbot des Turnens in Preußen gründeten sich vereinzelt Turnvereine im Sinne der Turnbewegung Jahns. Im Westdeutschen Raum wurden um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, also noch vor der Rehabilitierung Jahns, die Kölner Turnerschaft von 1843 und der Barmer TV von 1846 gegründet. Es folgten dann der Aachener Turnverein, der Dürener Turnverein, der Düsseldorfer Turnverein und die Elberfelder Turngemeinde, die sich alle 1847 gegründet hatten.
Diese und viele andere Turnvereine in deutschen Landen schlossen sich 1860 zur Deutschen Turnerschaft zusammen. Danach entstanden in der hiesigen Gegend die Aachener Turnerschaft von 1860, die Aachener Turngemeinde von 1862, der Stolberger Turnverein 1862, der Haarener Turnverein 1862, der Aachener Handwerker Turnverein 1863 und der Aachener Turnerbund von 1863. Im Jahre 1864 entstand dann auch im Rheinischen Turnerbund der Turngau Aachen. Die ersten im Turngau Aachen gegründeten Vereine waren der Eschweiler Turnverein 1867, der Weidener Turnverein 1869, der Allgemeine Turnverein Aachen von 1870 und der Burtscheider Turnverein von 1873. Zu dieser Zeit gab es in Roetgen noch kein Vereinsleben der heutigen Art. Das dörfliche Leben spielte sich in Familie, Beruf und Nachbarschaft ab. Neben Geburt, Heirat und Tod waren der Kirchgang, die Kirmes und die Kirchenfeste die Höhepunkte im dörflichen Zusammenleben eines Jahres. Seit 1875 gab es als einzigen Verein den Gesangverein „Cecilia“. Er war ein konfessioneller Kirchenchor der katholischen Pfarrgemeinde St. Hubertus. Als dann in einem kirchlichen Archiv Vereinsstatuten von 1841 gefunden wurden, vermutete man, daß dieser Chor zur Verschönerung der Gottesdienste in Roetgen schon seit 1825 bestanden hat. Daneben bestanden im kirchlichen Bereich vorübergehend nur einige Bruderschaften und Interessengemeinschaften, die vereinsähnlichen Charakter hatten. Im kommunalen Bereich gab es neben einer Landwirtschaftlichen Vereinigung nur die lockere Verbindung der Veteranen. Die alten Krieger gestalteten die Sedansfeier, Kaisersgeburtstag, und sorgten für ein Abschiedsfest der jährlich einberufenen Rekruten.
In dieser Zeit des einfachen geruhsamen Dorflebens, als die Frauen noch am häuslichen Herd standen, hatten die jungen Männer zwar eine Beschäftigung oder einen Beruf, aber der Ernst des Lebens begann erst nach der Soldatenzeit. Neben den Handwerksberufen und der Betreibung einer kleinen Landwirtschaft war die Weberei der Hauptberuf der Nordeifeler. In den Gründerjahren nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 war die Handweberei endgültig von der Maschinenweberei abgelöst worden. Handwerker, Fuhrmänner und Kaufleute konnten ihren Beruf meistens am Ort ausüben. Die Weber und Textilarbeiter dagegen fanden ihre Arbeitsstellen in den Tuchfabriken der Stadt Aachen. Bedingt durch die damaligen Verkehrsverhältnisse bedeutete dies für diese Arbeiter eine Woche Abwesenheit von zu Hause. Man hatte am Arbeitsort eine bescheidene Schlafstelle. Hier verbrachte man nicht selten mit vier Personen auf einem Zimmer den Feierabend.
Neben den Webern waren natürlich auch junge Leute anderer Berufe wie Schreiner und Metallarbeiter in Aachen beschäftigt. An ihren Arbeitsstellen kamen sie mit Kollegen aus der Stadt Aachen zusammen, die im Sinne Turnvater Jahns Sport an den Turngeräten trieben. Es wurde über diese Freizeitbetätigung geredet und man wurde eingeladen, an diesen Turnstunden teilzunehmen. Zuerst aus Langeweile, dann aus Neugier und zuletzt aus Interesse besuchten bald einige sportbegeisterte junge Roetgener die Turnabende ihrer Aachener Turnfreunde.
Da die Turnerei Spaß machte, besuchte man nun regelmäßig zweimal in der Woche die Übungsstunden des Allgemeinen Turnvereins Aachen (ATA). Da man durch die Körperertüchtigung und das Messen der Kräfte und der Geschicklichkeit mit anderen jungen Leuten ein positives Lebensgefühl bekam, begann man sich Gedanken zu machen, in Roetgen einen Turnverein zu gründen. Dazu kam noch, daß man den jungen Leuten aus Roetgen nicht nachstehen wollte, die am Ostermontag des vorangegangenen Jahres (1893) die St. Hubertus Schützengesellschaft ins Leben gerufen hatten. Auch hier war der Vereinsgedanke an den auswärtigen Arbeitsstellen entstanden. Die Schützengesellschaft war ein konfessionell gebundener Verein der katholischen Kirchengemeinde. Ein Vorbild der Vereinsneubildung vor Augen bildeten die in Aachen aktiv turnenden Roetgener um die Mitte des Jahres 1894 ein Komitee, um die Statuten eines Turnvereins in Roetgen auszuarbeiten. Zweck, Mitgliedschaft, Organe und Ziele des Vereins sollten herausgestellt werden. Der Verein sollte der Körperertüchtigung und der Geselligkeit dienen. Im Gegensatz zu den bisher im Ort bestehenden Vereinen sollte die Mitgliedschaft für beide Konfessionen offen sein. Jeder unbescholtene junge Mann sollte hier im Sinne Turnvater Jahns in Roetgen seinen Turnsport treiben können. Bei den damals teilweise noch bestehenden Gegensätzen der religiösen Ansichten war das natürlich ein absolutes Novum. Es war sogar ein Wagnis, denn man mußte mit der Voreingenommenheit der Bürger und der Kirchen rechnen.
Die Gründung 1894
Die Mitglieder des Gründungskomitees hatten sich natürlich bei anderen Turnvereinen umgesehen, was die Statuten eines Turnvereins aussagen sollten. Diese wurden dann festgeschrieben und den Roetgener Verhältnissen angepaßt. Nach Fertigstellung der Statuten wurde am Samstag, den 15. September 1894, die Gründungsversammlung einberufen. Als Versammlungsort hatte das Komitee die Wirtschaft des Alois Keus an der Roetgenbachstraße im Brand (Köise Bergelche) vorgesehen. Laut Niederschrift wurde diese Versammlung von vierzehn turnbegeisterten jungen Leuten besucht. Einziger Tagesordnungspunkt war die Gründung eines Turnvereins und die Wahl des Vorstandes. Nachdem der Sprecher des provisorischen Komitees die Statuten vorgelesen hatte, wurden diese ohne große Diskussion von allen Gründern sofort unterschrieben. Da man die Gepflogenheiten einer ordentlichen Versammlung noch nicht kannte, heißt es im Protokoll: „Diese wählten aus ihrer Mitte den Vorstand.“
Der erste Vorstand des Turnverein Roetgen:
Präsident:
| Hermann Lauscher
| Schriftwart:
| Johann Spitz
| Turnwart:
| Robert Mathee
| Zeugwart:
| August Lütgen
| Geldwart:
| Johann Gerards
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Als erste Besorgung wurde dem Vorstand die polizeiliche Anmeldung des Vereins angetragen. Dann beschloß man, daß Lokal und Saal des Alois Keus Vereinslokal und Übungsplatz werden sollte. Die Aufnahmegebühr wurde auf 1,50 Mark festgesetzt, der monatliche Beitrag für Aktive sollte 20 Pfennig, für Inaktive jedoch dreißig Pfennig betragen. Das war ein Jahresbeitrag von 2,40 Mark beziehungsweise 3,60 Mark. Der Wochenlohn eines Handwerkers oder eines Arbeiters lag zu dieser Zeit bei etwa zwölf bis fünfzehn Mark. Leider sind die Statuten mit den Unterschriften der Gründer verloren gegangen. Eine Abschrift der Statuten als Satzung des Turnvereins ist in späteren Jahren, wahrscheinlich in den Jahren 1907/08, von zwanzig Mitgliedern unterschrieben worden. Diese Namen sind bekannt und erscheinen im Verlaufe der Chronik. Nach Durchsicht der ersten Protokolle und Niederschriften kann mit Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß an der Versammlung folgende Gründer teilnahmen (Auflistung in alphabetischer Reihenfolge):
1. Barth Johann (Hennesje Rosentalstraße)
| 8. May August (Nachname nicht bekannt Faulenbruch)
| 2. Gerards Johann (Turnvater Im Brand)
| 9. Plum Alois (Boue Offermannstraße)
| 3. Kreitz Alois (Spiller Greppstraße)
| 10. Reinartz Martin (Henze Kreitzenend)
| 4. Lauscher Hermann (Anne Kettchens Im Brand)
| 11. Reinartz Peter (Jobsen Rommelweg)
| 5. Lütgen August (va je Wiedevenn Hauptstraße)
| 12. Spitz Johann (Spetze Müllergasse)
| 6. Mathee August (Juliusjens Faulenbruch)
| 13. Stollewerk Eugen (Hannesse Wilhelmstraße)
| 7. Mathee Robert (Juliusjens Faulenbruch)
| 14. Welter Fritz (va jene Möllebenet Mühlenstraße)
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Das Jahr 1894
Nach der Geburt des Turnvereins fing für den jungen Vorstand die Arbeit an. Neben der Sorge um das Image im Dorf war die dringendste Aufgabe die Beschaffung der Übungsgeräte. Zunächst wurden die Mitglieder des jungen Vereins vom Vorstand darauf hingewiesen, daß das Ansehen des Vereins nur durch anständiges Betragen in der Öffentlichkeit erworben werden konnte. Ehe man sich die ersten Turngeräte anschaffen konnte, beschränkte man sich in den Übungsstunden auf Freiübungen und Pyramidenbau. Als dann Turnmatten und Stemmgewichte besorgt werden konnten, kamen Ringen und Gewichtheben hinzu. Die ersten Übungsstunden übernahm der Turnbruder Wilms aus Breinig. Er war der 1. Vorsitzende des dort 1893 gegründeten Turnvereins.
Neben den Turnstunden hielt der junge Verein jeden Monat eine sogenannte Generalversammlung ab. Einer der Hauptpunkte einer solchen Versammlung war die Kassierung des Beitrages. Jedes Mitglied hatte zu diesem wichtigen Zweck vor den Kassierer zu erscheinen. War dieses dann zufriedenstellend erledigt, wurden erst die anderen Punkte verhandelt. Auf der ersten Versammlung, am 7. Oktober 1894, gab es für die jungen Turner eine echte Überraschung. Der Vereinswirt Alois Keus schenkte dem Verein einen Barren, allerdings mit der Auflage, sein Wirtshaus solle sechs Jahre lang Vereinslokal bleiben. Diese Schenkung wurde freudig begrüßt, der Barren wurde im Saal aufgestellt, und man konnte jetzt an einem klassischen Gerät die ersten Übungen turnen. Nach vorliegendem Muster wurde ein Vereinsabzeichen in Wappenform mit den „vier F“ und dem Vereinsnamen sowie ein Vereinsstempel mit den gleichen Symbolen erstellt. Zunächst wurden dreißig Vereinsabzeichen und ein Vereinsstempel durch den Vorstand besorgt. Nun konnte jedes Mitglied zum Preise von dreißig Pfennig dieses Abzeichen erwerben, um in der Öffentlichkeit als Mitglied des Turnvereins erkannt zu werden.
Das erste öffentliche Auftreten des Vereins war ein Frühschoppen mit Tanz anläßlich der Hubertuskirmes. Die Mitglieder hatten durch eifrige Mithilfe ihrer Damen den Tanzsaal des Vereinslokals dekoriert. Sonntagmorgens sammelte man sich dann bei Gillessen am Lammerskreuz und zog in geschlossenem Zug durch den Ort zum Vereinslokal. Die Turner in dunklen Anzügen mit dem Vereinsabzeichen geschmückt und ihre Damen in den Kirmesgarderoben. Dieses war ein sehr positives Auftreten des jungen Vereins in der Öffentlichkeit. Im Vereinslokal wurde dann das Tanzbein geschwungen, die Eintrittspreise wurden für Turner und Gäste gleich gehalten. Durch die Gespräche nach der Kirmes würde sich zeigen, ob das erste Auftreten des Turnvereins in der Dorfgemeinschaft Anklang gefunden hatte. Durch die Kirmes war die nächste Versammlung auf den zweiten Samstag des Monats verlegt worden. Nachdem die Beiträge kassiert waren, wurde der Kirmesetat veröffentlicht. Nach Abzug aller Kosten war die Kasse nicht belastet worden. Doch dann wurde aus der Versammlung Klage geführt, daß sich Vorstandsmitglieder während der Festlichkeiten der Herbstkirmes ungebührlich benommen hätten. Um das Ansehen in der Öffentlichkeit zu wahren, wurde angedroht, daß bei Wiederholung die Übeltäter mit einer Strafe von drei Mark, oder in schweren Fällen mit einem Ausschluß bestraft würden. Den ersten Einladungen auswärtiger Vereine konnte wegen ungenügendem Übungsstand noch nicht gefolgt werden. So mußten Anfragen von Vereinen aus Würselen und Vaals abgesagt werden. Wohl war man gewillt, am letzten Sonntag im Dezember 1894 ein Winterfest mit Tanz und sportlichen Darbietungen zu veranstalten. Diese fanden auf dem Saal des Vereinslokals statt. Da zu diesem Zeitpunkt schon einige neue Mitglieder aufgenommen worden waren, war die Veranstaltung gut besucht und hatte bei den Mitgliedern Anklang gefunden. Man konnte der staunenden Turnerfamilie zum ersten Mal zeigen, was man als Turner schon alles an den Geräten gelernt hatte. Es wurden Freiübungen, lebende Bilder, Kraftübungen an Stemmgewichten und Geschicklichkeitsübungen beim Ringen auf der Matte gezeigt.
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